Agile ist mehr als Softwareentwicklung

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Sohrab Salimi
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Letzte Woche habe ich den kürzesten Hotelaufenthalt der Welt hinter mich gebracht. Zehn Sekunden. Ich betrat mein Hotelzimmer im Marriott, sah, dass es keinen Schreibtisch gab, drehte mich um und ging sofort wieder raus.

Wenn ich verreise, brauche ich einen Schreibtisch. Als Inhaber eines kleinen Unternehmens hört meine Arbeit niemals auf. Sogar wenn ich eigentlich im Urlaub bin, verbringe ich wenigstens ein paar Stunden am Tag mit dem Beantworten von E-Mails und Arbeit früh am Morgen oder spät am Abend. Ein Schreibtisch in meinem Hotelzimmer ist also nicht optional.

Als ich bemerkte, dass es keinen Schreibtisch gab, ging ich zurück in die Lobby und bat darum, ein Zimmer mit Schreibtisch zu bekommen. Die nette junge Frau, bei der ich einige Minuten zuvor eingecheckt hatte, informierte mich darüber, dass es im gesamten Hotel keine Zimmer mehr mit Schreibtisch gäbe. Das Hotel war erst vor Kurzem renoviert worden und alle Schreibtische waren aus den Hotelzimmern entfernt worden. In dem Hotel würde man aber „an dem Problem arbeiten, sodass es bald auch hoffentlich wieder einige Zimmer mit Schreibtischen geben wird”.

Eigentlich hätte ich das  wissen müssen. Zwei Monate zuvor hatten ich und einige andere Leute, die viel auf Reisen sind, einen Artikel darüber gelesen. Aber genau wie bei Meldungen über eine Zombie-Apokalypse konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass das stimmen konnte.

Diesem Artikel zufolge entfernte man in den Marriott Hotels alle Schreibtische aus den Hotelzimmern, weil die Generation Y nicht an Schreibtischen arbeitet. Angeblich bevorzugen sie eine Art Lounge-Atmosphäre in den Zimmern. Und tatsächlich hatte der Raum, den ich für 10 Sekunden bezogen hatte, einen kleinen, L-förmigen Tisch.

Alle Schreibtische aus den Hotelzimmern zu entfernen, war wirklich eine Schande, denn ansonsten war es ein wirklich tolles Marriott-Hotel. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich auf dem Weg zu meinem Zimmer den Flur entlang ging und darüber nachdachte, wie sehr ich mich auf die zwei Übernachtungen dort freute.

Die wahre Schande ist allerdings, dass man bei Marriott dieses Problem ganz einfach hätte vermeiden können, wenn man sich nur an ein paar agile Prinzipien gehalten hätte.

Inkrementelle Auslieferung

In den Marriott-Hotels hätte man die Veränderungen inkrementell umsetzen sollen. Ich kenne mich nicht wirklich mit der Renovierung von Hotels aus, allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass es billiger ist, alle Zimmer auf einmal zu renovieren, statt zuerst die eine Hälfte der Zimmer zu renovieren und die restlichen nach weiteren sechs Monaten. Hätte man bei Marriott aber nur bei der Hälfte der Zimmer diese Änderung vorgenommen, hätten sie herausfinden können, was ihre Gäste bevorzugen.

Es hätte nicht ausgereicht, zu sagen: „Aber wir nehmen die Veränderung in der gesamten Hotelkette doch inkrementell vor. Erst ein ganzes Hotel in dieser Stadt, dann das ganze Hotel in der Stadt usw.”

Das ist aber nicht wirklich zweckmäßig, weil die Gäste an einem Ort nicht dieselben sind wie an einem anderen Ort. Natürlich werden alle Marriott-Hotels ungefähr die gleiche Art Gäste haben, vielleicht ist es aber an einem Standort sinnvoll, in 25% der Zimmer die Schreibtische zu entfernen, wohingegen es an einem anderen Standort vielleicht besser 80% sein sollten.

Die Gefahren fehlenden Feedbacks

Am einfachsten wäre es gewesen, wenn man bei Marriott das Feedback der Gäste eingeholt hätte und daraus seine Schlüsse gezogen hätte. Ein Grund, warum ich sofort wieder ausgecheckt habe, war, dass ich sichergehen wollte, dass man in dem Hotel auch das passende Feedback bekommt. Einen kurzen Moment dachte ich: „Es sind nur zwei Übernachtungen. Ich kann bestimmt auch auf dem Bett sitzen und arbeiten.”

Aber ich habe die Philosophie, dass ich keine Geschäfte mit Unternehmen mache, die mein Geld nicht verdient haben. Ich verbringe sehr viel Zeit in Marriott-Hotels (mehr als in jeder anderen Hotelkette) und dieses eine hatte es eben nicht verdient.

Außerdem wollte ich ihnen ja auf jeden Fall Feedback geben. Als mir an der Rezeption gesagt wurde, dass ich kein Zimmer mit Schreibtisch haben könne, da es keine mehr gäbe, bekam ein anderer Gast zufällig diese Unterhaltung mit und rief sofort seinen Agenten an, um ihm zu sagen, dass er gar nicht erst einchecken würde, weil es dort keine Schreibtische in den Zimmern gab. Das ist Feedback für das Hotel.

Und es zeigt, warum in diesem Hotel bereits zwei Monate nach der vollständigen Entfernung der Schreibtische daran gearbeitet wurde, das Problem zu beheben und wieder Tische einzubauen.

Agile ist mehr als nur Softwareentwicklung

Die Prinzipien agiler Softwareentwicklung gehen weit über die reine Softwareentwicklung hinaus. Viele Menschen wenden Agile in ihrem Privatleben an. Unternehmen werden mit Agile geführt. Hardware wird mit Agile entwickelt.

Mit Agile löst man Probleme.

Dieser Text stammt aus dem Blog von Mike Cohn und wurde von uns ins Deutsche übersetzt.