Braucht ein Scrum Team in jedem Sprint eine Retrospektive?

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Sohrab Salimi
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Am Ende eines jeden Sprint-Zyklus soll eine Retrospektive abgehalten werden. Dennoch werde ich in fast allen meiner Certified Scrum Master Trainings gefragt, ob ein Team wirklich in jedem Sprint eine Retrospektive durchführen muss.

Der Gedankengang dahinter ist meistens etwas in der Art:

Unser Team ist so gut, dass wir nur selten Verbesserungsmöglichkeiten finden, und deshalb wollen wir damit aufhören.

Wir finden die Retrospektiven langweilig, deshalb wollen wir damit aufhören.

Wir sind viel zu beschäftigt (oder die Retrospektiven dauern zu lange), deshalb wollen wir damit aufhören.

Wir mögen einfach keine Retrospektiven, deshalb wollen wir damit aufhören.

In diesem Blogbeitrag werde ich auf jedes dieser Argumente eingehen und erklären, warum man trotzdem in jedem Sprint eine Retrospektive abhalten sollte. Am Ende werde ich dann erklären, dass man vielleicht – wirklich nur vielleicht – nicht notwendigerweise in jedem Sprint eine Retrospektive braucht. (Das hätten Sie jetzt nicht erwartet, oder? Lesen Sie weiter…)

Das Team ist zu gut für Retrospektiven

Ihr Team ist nicht so gut, dass es sich nicht verbessern könnte. Ich kenne Teams, die seit zehn Jahren mit Scrum arbeiten und alle zwei Wochen eine Retrospektive durchführen. Sogar diese Teams finden immer wieder neue Verbesserungsmöglichkeiten. Es ist wirklich äußerst unwahrscheinlich, dass Ihr Team so gut ist, dass es nichts gibt, was man noch verbessern könnte oder was es es nicht wert wäre, geändert zu werden.

Retrospektiven sind viel zu langweilig

Niemand hat behauptet, dass Retrospektiven so spannend sein sollten wie der neueste Hollywood-Blockbuster. Es gibt aber einige Dinge, die Sie tun können, um sie ein wenig aufzupeppen.

Sie können beispielsweise etwas frischen Wind in die Sache bringen, indem Sie den Scrum Master eines anderen Teams bitten, Ihre Retrospektive zu leiten. Ein anderer Stil kann schon sehr hilfreich sein. (Denken Sie daran, sich zu revanchieren.) Sie können auch die Örtlichkeit wechseln. Sie können die Retrospektive zum Beispiel draußen abhalten, vielleicht sogar bei einem Spaziergang.

Probieren Sie ein anderes Format für das Meeting aus. Viele Teams haben es sich zur Gewohnheit gemacht, regelmäßig neue Methoden für die Retrospektive auszuprobieren. (Und nein, das „Abschaffen von Retrospektiven” gehört nicht dazu.)

Das Team ist zu beschäftigt für Retrospektiven

Ein Team, das behauptet, zu viel zu tun zu haben und sich daher keine Zeit für Verbesserungen nehmen zu können, denkt sehr nicht sehr langfristig.

Stephen Covey stellt in seinem Buch Die 7 Wege zur Effektivität (im Original: Seven Habits of Highly Effective People) einen Vergleich mit einem Holzfäller an, der tagelang versucht, einen Baum mit einer Säge zu fällen. Irgendwann wird die Säge stumpf. Mit einer solch kurzfristigen Sichtweise wird der Holzfäller niemals eine Pause machen, um die Säge zu schärfen.

Ein Scrum Team, das ebenso kurzfristig denkt, wird sich niemals auch nur eine halbe Stunde seiner Arbeitszeit nehmen, um Verbesserungsmöglichkeiten zu finden. Stattdessen das kleine bisschen Code total überbewertet, das sie in diesen 30 Minuten entwickeln können.

Das Team mag keine Retrospektiven

Das ist auch irgendwie eine Möglichkeit, auszudrücken, dass Retrospektiven langweilig sind. Ich gehe aber noch einmal separat darauf ein, weil es sich dabei um mehr handeln kann, als nur um Langeweile oder den Alltagstrott. Einige Teammitglieder mögen sie schlicht und einfach nicht.

Das ist wirklich schade für diese Teammitglieder, denn jeder im Team sollte professionell arbeiten. Und ein Profi erledigt alle Teile seines Jobs, nicht nur die, die er gerne macht.

Sobald ich diesen Blogbeitrag geschrieben habe, überarbeite ich ihn, um ihn besser zu machen. Das macht nicht sonderlich viel Spaß. Dann muss ich ihn noch Korrektur lesen. Das macht wirklich keinen Spaß. Dann lasse ich jemand anderen den Text lesen und überlege, ob ich die Änderungen akzeptiere oder nicht. Das macht keinen Spaß.

Nicht jeder Teil unseres Jobs macht uns immer Spaß. Wenn einige Teammitglieder keine Retrospektiven mögen, sie dem Team aber helfen würden, besser zu werden, dann sollte das Team sie auch durchführen.

Wann es in Ordnung ist, nicht in jedem Sprint eine Retrospektive abzuhalten

Ich habe anfangs erwähnt, dass ich auch sagen werde, wann es in Ordnung ist, nicht in jedem Sprint eine Retrospektive durchzuführen. Wann wäre das also der Fall?

Wenn Ihr Team:
- wirklich gut ist.
- sich darum bemüht, dass die Retrospektiven nicht langweilig sind.
- nicht zu beschäftigt ist, um sich um langfristige Verbesserungen zu kümmern.

auch den Wert der Arbeiten verstanden hat, die ihnen nicht so viel Spaß machen.

… und wenn mit kurzen Sprints gearbeitet wird. Dann würde ich sagen, dass es in Ordnung ist, nicht ganz so häufig eine Retrospektive abzuhalten.

Und das ist der Grund: Grundsätzlich besagen die Scrum Regeln, dass ein Sprint nicht länger als vier Wochen sein sollte. Ein Team, das wirklich keine Retrospektiven durchführen möchte, könnte einfach mit vierwöchigen Sprints arbeiten.

Nehmen wir an, ein Team hat sich aus guten Gründen für einwöchige Sprints entschieden. Dieses Team findet Retrospektiven aber so schrecklich, dass es auf vierwöchige Sprints umsteigt, nur damit sie nicht so oft eine Retrospektive machen müssen.

Dies wäre eine schlechte Entscheidung, es sei denn, die Änderung hätte andere sinnvolle Vorteile, als einfach nur seltener eine Retrospektive abhalten zu müssen.

Darum sollte ein guter Scrum Master das Team wirklich darin bestärken, in jedem Sprint eine Retrospektive durchzuführen, und die vier oben genannten Argumente widerlegen. Allerdings sollte der Scrum Master in einigen wenigen Fällen auch offen dafür sein, dass das Team nur jeden zweiten Sprint eine Retrospektive durchführt, wenn es mit ein- oder zweiwöchigen Sprints arbeitet.

Ich möchte betonen, dass ich den Teams das immer auszureden versuche. Ich möchte die Teams immer davon zu überzeugen, in jedem einzelnen Sprint eine Retrospektive abzuhalten. Wenn ein Team jedoch wirklich ein sehr hohes Leistungsniveau erreicht hat und mit kurzen Sprints (z. B. eine Woche) arbeitet, bin ich bereit, ihre Argumente zu akzeptieren.

In diesem Fall lasse ich sie alle zwei Sprints eine Retrospektive durchführen. Und meistens ist das immer noch häufiger als bei Teams, die mit vierwöchigen Retrospektiven arbeiten.