Das Hochstapler-Syndrom

Geoff Watts ist einer der ganz Großen in der Scrum-Szene und einer der wenigen, die sowohl Certified Scrum Trainer als auch Certified Scrum Coach sind. In Ergänzung zu seinem Buch „Scrum Mastery: From Good to Great Servant-Leadership” hat er ein neues Buch geschrieben: „The Coach’s Casebook”. Sein neues Buch handelt nicht konkret von Scrum oder Agile – da der Job eines Scrum Masters aber viel damit zu tun hat, ein Team zu coachen und deren Leistung zu steigern, denke ich, dass das Buch auch auf Ihre Arbeit zutrifft. Im folgenden Gastbeitrag beschreibt Geoff ein Gefühl, das wir alle sicherlich kennen. Ich habe mich jedenfalls schon sehr oft so gefühlt. — Mike Cohn
Warum manche Scrum Master das Gefühl haben, Hochstapler zu sein
„Eines Tages werden sie mir auf die Schliche kommen. Sie werden erkennen, dass ich keine Ahnung habe, wovon ich rede, und dann werde ich gefeuert.”
Ich erinnere mich daran, wie ich vor 15 Jahren in der Küche stand und das zu meiner Frau sagte. Damals dachten wir darüber nach, eine größere Anschaffung für unser Haus zu machen und ich hatte Angst, dass mein Job als Projektmanager nicht sicher genug für solch eine Investition sein könnte. Ich war besorgt, weil ich über nicht besonders viel technisches Fachwissen verfügte und trotzdem der Projektmanager eines technischen Projekts mit technisch versierten Leuten war.
Ich verstand weder etwas von Datenbanken noch von SQL oder Java. Ich wusste noch nicht einmal, wie ein Telefon funktioniert, und arbeitete für ein Telekommunikationsunternehmen! Wie konnte ich bloß ein solches Projekt mit so wenig technischem Fachwissen leiten?!
Ich bluffte so gut ich konnte aber ich war mir sicher, dass eines Tages herauskommen würde, dass ich eigentlich keine Ahnung hatte, wovon ich überhaupt rede.
Ich hatte aber damals noch nicht verstanden, dass ich all das gar nicht wissen musste, weil die jeweiligen Fachleute über dieses Wissen verfügten. Ich glaube sogar, dass ich, wenn ich das Wissen gehabt hätte, vielleicht nicht so erfolgreich in meinem Job gewesen wäre.
Das Entwicklungsteam wusste über Datenbanken, Java und SQL Bescheid und der Kunde wusste, wie Telefone funktionieren. Hätte ich das Projekt wirklich auf Mikromanagement-Ebene leiten wollen, dann hätte ich all das wissen müssen. Aber das war nicht mein Ziel.
Mein Ziel war es, den Leuten um mich herum dazu zu verhelfen, ihr Wissen, ihre Intelligenz und ihre Erfahrung anwenden zu können, um Projekt und Produkt zu einem Erfolg zu machen. Ein Hochstapler zu sein, schützte mich im Grunde genommen sogar davor, ein Mikromanager zu werden.
Ich musste lernen, wie ich diese Leute unterstützen konnte. Und dann musste ich lernen, damit zurechtzukommen, ein Hochstapler zu sein.
Symptome des Hochstapler-Syndroms
Das Hochstapler-Syndrom (engl. Impostor-Syndrome) gibt es wirklich – es kommt häufig genug vor, dass es einen eigenen Namen bekommen hat – und auch Sie leiden vielleicht an dem Hochstapler-Syndrom, wenn sie Folgendes von sich denken:
- Sie sind ein Betrüger, täuschen alles nur vor und eines Tages wird man sie erwischen.
- Jeder hat mehr Ahnung als Sie.
- Das Vertrauen, das andere Leute in Sie setzen, ist nicht gerechtfertigt.
- Sie sind nicht so gut, wie andere Leute glauben.
- Ihre Erfolge beruhen hauptsächlich auf Glück, auf den Leistungen anderer oder darauf, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.
Kennen Sie dieses Gefühl?
Das ist ganz normal. Eigentlich wäre es sogar unnormal, wenn es nicht so wäre, denn man geht davon aus, dass bis zu 70% aller Menschen das schon einmal erlebt haben. Meine persönlichen Erfahrungen bestätigen das.
Scrum Master sind vielleicht anfälliger für das Hochstapler-Syndrom als andere Leute in einem agilen Team oder einer agilen Organisation. Das liegt unter Umständen an der mangelnden Autorität dieser Rolle. Scrum Master haben keine wirkliche Macht über etwas und daher zweifeln sie oft an sich und ihrer Position.
Was die Verantwortlichkeiten angeht, ist die Rolle des Scrum Masters zudem auch nicht sehr genau definiert und das verringert das Maß an Klarheit und Selbstvertrauen der Scrum Master zusätzlich.
Das Hochstapler-Syndrom ist nicht unbedingt etwas Schlechtes
Menschen mit dem Hochstapler-Syndrom sind normalerweise recht bescheiden, gewissenhaft und reflektiert.
Sie versuchen permanent sich als würdig zu erweisen (gegenüber sich selbst und anderen) und aus Angst, überführt zu werden, geben sie sich so gut wie nie mit Mittelmäßigkeit zufrieden. Daher zeigen Leute mit dem Hochstapler-Syndrom sehr häufig extrem gute Leistungen.
Man sollte also nicht versuchen, dagegen anzukämpfen. Es ist viel wichtiger, eine gute Balance herzustellen. Nutzen Sie die positiven Aspekte und versuchen Sie, es einfach nicht zu übertreiben und die damit verbundenen Ängste und den Stress zu minimieren.
Der erste Schritt, um das Hochstapler-Syndrom in den Griff zu bekommen, ist, zu akzeptieren, dass es weit verbreitet und ganz normal ist. Und dann sollten Sie ganz bewusst Ihre Stärken zu schätzen lernen und andere Leute von dem hohen Podest herunternehmen, auf das Sie sie gestellt haben – denn mit aller Wahrscheinlichkeit bluffen sie genauso gut wie Sie es tun!
Wenn Sie es schaffen, eine Balance für sich in der Rolle als Scrum Master herzustellen, können Sie vielleicht auch anderen Leuten mit deren Hochstapler-Syndrom helfen.